Dovers World
  Mitternacht !
 
Mitternacht !
Der alte Friedhof schien zu leben, zu atmen. Er war erfüllt von geheimnisvollen Geräuschen, die der schaurigen Kulisse eine makabere Untermalung gaben. Der Wind fuhr über den Totenacker – sein müdes Winseln schien selbst die Blätter zu erschrecken, die sich aufgeregt bewegten, wenn sie von ihm berührt wurden. Wie mit Geisterhänden strich der Wind über jeden Fleck, tastete die Grabsteine ab, warf altes Laub vom vergangenen Winter hoch, bog die Zweige der Bäume und brachte eine Botschaft mit, die von den Toten in den tiefsten Gräbern verstanden wurde.
Sie kommen ! wisperte der Wind. Und das verstand auch Steve Sinclair, dafür hatte er ein Instinkt. Das war es aber auch schon mit seiner Begabung betreffend des Berufes „Geisterjäger“. Wie oft wurde er verglichen mit seinem Vater John, wie wurde dieser vergöttert und seine Heldentaten gepriesen. Die Welt kannte John Sinclairs Abenteuer „Melinas Mordgespenster“ oder „Totenchor der Ghouls“. Sein letztes Abenteuer „Der grüne Dschinn“ soll sogar verfilmt werden. Aber Steve Sinclair ?
Steve bekommt Angst, wenn eine Bedrohung von okkulten Kräften auf ihn zu kommt. Das war’s aber schon, mehr taugte er nicht – Ein „Gespenster-Indikator“ wird er in der Presse genannt und verlacht. Er sei das, was diese Streifen im Chemieunterricht für das Feststellen des ph-Wertes sind.
 
Mit diesen Gedanken betrat er den Friedhof von Shrewsbury und sagte sich :“Jetzt ist endlich Schluss mit der Versagerei ! Heute werde ich ein paar Untote und Zombies umnieten !“ Es saß ihm noch die „Grabstein-Bande“ tief in den Knochen. Diese Bande von kleinen Kindern, die ihn an der Nase herumgeführt hatte ! Er war sich schon sicher gewesen diesmal einen großen Fang gemacht zu haben, er verständigte die Presse und entschlüsselte die Schrift an den Grabsteinen, die diese Bande gemacht hatte. Er war sich sicher, daß das eine satanische Sekte oder gar Dämonen waren – und am Ende waren es Sechstklässer, die einen Streich mit ihm gemacht hatten.
Aber der Friedhof heute nacht hat schon seit Jahrhunderten den Ruf, daß es dort spukt – und das Untote aus ihren Gräbern steigen und Passanten erwürgen. Er ist durch das Blatt „B.I.L.D. in GB – NEW !“ auf diesen Friedhof gekommen. Er stapfte, zwar mit den Knien zitternd, aber dennoch todesmutig und entschlossen, im Friedhof umher.
Der Wind schlief ein und somit verschwanden die eigenartigen Geräusche. Der Friedhof wirkte auf einmal dunkel, verlassen und leer. Nur eine Ratte huschte noch über die Gräber, riß alte Spinnweben entzwei und floh – vor einer Gestalt !
 
Steve sah sie nicht nur sondern jetzt hörte er auch noch ihre Schritte. Diese Gestalt wankte hin und her, lief ganz unregelmäßig mit schleppendem Schritt und hatte als Begleitung einen Kobold, der ihm Licht spendete. Das isses jetze ! sagte sich Steve. Sein Vater hatte in seiner Karriere um die tausend Nachtwesen gefangen und erledigt, Steves Konto ist dagegen bei : 3. Zwei Fledermäuse und einen Nachtfalter. Die er versehentlich tötete.
Er ging auf die Gestalt zu – Diese Gestalt lief zögerlich, schleifend und die Steine knirschten unter den Füßen des Wesens. Es stand 6 Meter vor Steve und blieb still – es lauerte. Es schien als würde es die Atmosphäre aufsaugen. Der Kobold flog von einer Seite zu anderen, wurde immer langsamer und verharrte in Brusthöhe. Steve nahm sein Kruzifix in die eine Hand, in der anderen das Fläschchen mit dem Weihrauch. Er öffnete es, spritzte es auf das Wesen und sprach mit dem Kruzifix in der ausgestreckten Hand :“ Weiche von mir, du Satanswerk ! Möge Finsternis und Schatten dich zurückfordern ! Möge eine Regenwolke darüber weilen, mögen die Dinge, die den Tag verfinstern, dir Schrecken einjagen ! Ein Freund ist zu viel, und hundert Feinde sind nicht genug !“
Der Kobold flog etwas höher und das Wesen sprach mit krächzender Stimme :“Was sucht Ihr hier so spät ? Der Friedhof ist doch längst geschlossen. Soll ich die Polizei holen ? Außerdem heißt das : Ein Feind ist zu viel, und hundert Freunde sind nicht genug !“
 
Steve wollte seinen Augen nicht trauen. Die Gestalt, die er schon für ein Gespenst oder gar einen Dämon gehalten hatte war niemand anders als der Friedhofswärter. Und der angebliche Kobold nichts anderes als eine Petroleumlampe. Steve fühlte sich in seinem Stolz gekränkt und sprach mit unsicherer Stimme :“ Heißt es nicht aber so : Ein Freund ist nicht genug und hundert Feinde sind zu viel ?“ Der Wärter antwortete :“Ach, nein, du Dummkopf ! Gott, beschütze mich vor meinen Freunden ! Mit meinen Feinden will ich schon selbst fertig werden. Ich werde jetzt die Polizei anrufen, einen Moment.“ Er holte sein Handy und rief die Polizei an.
Nach dem Telefonat lächelte der alte Wärter und versicherte ihm, daß er nicht ungeschoren aus der Sache herauskomme. Steve versicherte ihm, daß er nichts böses im Schilde führe, daß er auf der Jagd nach Geistern wäre. Mit einem lauten Lachen ließ der Wärter seine Lampe fallen und blökte, daß es für solche Fälle doch den berühmten John Sinclair gäbe. „Da brauchen wir dich doch nicht ! Hahaha ! Johnny-Boy war hier schon einige male, hier gibt es seitdem keine Geister mehr. Aber du bleibst schön hier, dir verpasse ich eine schöne Anzeige. Und von dem Geld, was du mir dann zahlen mußt, werde ich mir ein neues Radio kaufen.“ Steve warf sich auf den Boden und flehte um Vergebung. Denn die Polizei kenne ihn schon, sie haben ihn aus vielen Privatgrundstücken, sei es Kirchen, Villen oder Burgen, mit auf ihre Station genommen. Er ist schon vorbestraft. „No Chance, Baby ! Ich will ein neues Radio, klar ?!“ Steve beteuerte ihm, daß er ihm doch ein Radio schenken könnte. „Wozu brauchen Sie denn unbedingt im Zeitalter des Fernsehens ein Radio ?“ Der Wärter gestand ihm, daß jetzt auf dem Sender ‚Fritz‘ die ganzen John Sinclair-Episoden als Hörspiele zu hören sind. Und die darf er als Friedhofswärter nicht verpassen. Er habe zwar ein Radio, aber diese Sinclair-Hörspiele sind ein ganz wichtiges Thema für ihn. Er kann nicht beruhigt einschlafen mit dem Gedanken : ‚Du hast kein Reserve-Radio für den Fall der Fälle !‘
 
Irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal. Geisterstunde. Steve wunderte sich, denn es war schon nach 12. Der Wärter bemerkte das Stirnrunzeln Steves und flüsterte, daß dies ein schlechtes Omen sei, wenn die Turmuhr nicht pünktlich zu Mitternacht schlug. Aber für solche Fälle habe man ja Sinclair.
„Genau, und dieser Sinclair steht vor ihnen !“ rief Steve ganz stolz. Mit einem Lachen faßte sich der Wärter an den Kopf und wunderte sich, warum er nicht schon längst darauf gekommen sei, daß sein Gegenüber der törichte und tolpatschige Sohn der Geisterjäger-Legende ist. „Aber nimm es dir nicht so sehr zu herzen, das war schon immer so. Die Söhne von berühmten Männern sind immer Versager gewesen. Der Sohn von Franz Beckenbauer hat immer nur in der zweiten Liga gespielt, einmal kurz in der Bundesliga, mehr nicht. Der Sohn von Franz Josef Strauß ist jetzt nur berühmt geworden durch seine Steuerhinterziehungen. Er ist ein weinerlicher und jämmerlicher Mensch, der es zu nichts gebracht hat. Der Sohn von Mick Jagger schafft es gerade mal etwas berühmt zu werden, in dem er sich in die Tochter von Keith Richards verliebt hat. Mehr ist da auch nicht bei rausgekommen. Was ist mit den Söhnen von John McLaughlin, Albert Einstein oder Pablo Picasso ? Haben die überhaupt Kinder ? Und wenn, dann leiden die unter dem selben Symptom wie du, Steve, die haben einfach...“
 
Ein Autogeräusch unterbrach die Rede des Wärters. Es war aber nicht die Polizei – sondernd JOHN SINCLAIR ! John stieg aus dem Auto und lachte. Es war ein schrilles Lachen. Schrill und überdreht. Dieses höhnische Lachen musste Steve schon oft in seinem Leben ertragen.
John sprang über die Mauer und sagte zu seinem Sohn, zwar väterlich, aber dennoch sehr ironisch, warum er denn noch nicht im Bett sei. Steve fragte seinen Vater wütend, was er hier suche. Dieser Friedhof gehöre ihm. „Was plapperst du da für dumme Sachen, kleiner Steve. Heute jährt sich der Todestag von Admiral Wineshore zum 200.mal. Alle zehn Jahre steht er aus seinem Grabe auf. Heute nacht werde ich ihn für immer und ewig von seinem Fluche befreien und ihn töten.“ Der Sohn war da anderer Meinung und es kam zu einem Schlagabtausch. Welches endete in : ‚Zitate aus klassischen englischen Gespenstergeschichten raten‘.
John begann. Er zitierte :‘Als Fürst Prospero diese geisterhafte Erscheinung erblickte, die sich langsam und feierlich inmitten der Menge bewegte,...‘. Steve überlegte. Lovecraft ? Dickens ? Stoker ? „Nein“, lachte John. Edgar Allan Poe, der Meister war es, prahlte John. Nun war Steve an der Reihe. Er zitierte :‘Ein Feind ist nicht genug und hundert Freunde sind zu viel !‘ Der Wärter fiel hin vor lachen und John runzelte mit einem ironischen Grinsen die Stirn. Steve merkte auf einmal, daß er nicht nur eine Gespenstergeschichte nicht zitiert hatte sondern auch noch ein Sprichwort falsch ausgesprochen hatte. John lächelte hämisch und sagte :“ 2:0 für mich, du dummes Kind. Hätte doch deine Mutter damals auf mich gehört, hätte sie dich doch abgetrieben. Was bist du nur für ein Idiot ! Meine Gene hast du nicht. O.k. ich bin dran !“
 
Steve schüttelte die von ihm begangene peinliche Blamage ab und hörte konzentriert zu. John sprach, nein, er sang fast schon :‘Finsternis und Zerfall bereiteten sich über das Schloß, in das als alleiniger Herr und Gebieter der Rote Tod eingezogen war.‘ Steve riet wieder alle durch : Lovecraft, Dickens, Benson, und den, Moment, da war doch noch einer gewesen ? Der vorhin schon richtig war, wie hieß der denn noch mal ?! „Ich weiß es, ich komme nur gerade nicht drauf, einen Moment noch, bitte !“ Ärgerlich stampfte Steve auf dem Boden rum und grübelte nach. In der Zwischenzeit ist ein uralter Greis ohne Zähne und einem Admiralshut aufgetaucht, der es sich auf einem Grabstein bequem gemacht hatte. Er sprach :“ Steve, du bist kein Geisterjäger, wenn du diesen Namen des berühmtesten Geistererzählers nicht kennst, hahaha !“
Immer noch überlegend ging Steve im Kreis. Dann auf einmal blitzten seine Augen auf und er sprach : „Ich habs !“ Sein Vater sagte, daß es auch langsam Zeit wäre. Steve sprach :“ Oedgar Allan...nein, Oetker Allah...Dr.Oetker Allah Moe...Mose...Moses...nein, ich weiß es doch nicht !“ Der Friedhofswärter fiel wieder hin vor Lachen, der zahnlose Admiral quiekte ein krächzendes Lachen und John lief im Kreis wie ein Wilder, klatschte in die Hände und sang :“Funky, funky broadway, UHH !“
 
Jetzt sollte die schlimmste Geschichte beginnen, die sich jemals in Shrewsbury ereignet hatte. Sie handelt von Rache, die in ihrem Schrecken kaum zu übertreffen ist und mit der Präzision eines Uhrwerks durchgeführt werden sollte. Jetzt mußte es passieren, sagte sich Steve. Es soll keine Demütigungen mehr geben. John lag nach Luft holend auf der Wiese während Steve zu Admiral Wineshore ging und im zuflüsterte, daß sie beide jetzt John Sinclair zur Strecke bringen könnten. Der Admiral sagte, daß er es eh heute vorgehabt hatte. Nur noch Harro holen, die schleppende Guillotine und Kara, die Mutter der Finsternis, wecken. Steve erkundigte sich beim Admiral, wo denn diese beiden Dämonen lagen. Sofort rannte er zu den beiden Gräbern und half Kara und Harro aus ihren Särgen.
John war in der Zeit aufgestanden und rief nach seinem Sohn. Er solle endlich nach hause gehen. „Einen Moment noch, Daddy, ich suche mein Kruzifix, ich habe es irgendwo fallen gelassen.“ Sofort verkroch sich Steve und sah, wie die drei Untoten auf seinen Vater zu krochen. Ach, freute sich schon Steve. Während die Zombies mit John beschäftigt waren schlich sich Steve von hinten an. Erst wurde der lästige Vater von den Nachtgestalten erledigt, dann legte er diese drei um. Dann würde er die Presseheinis anrufen, sich interviewen und photographieren lassen und morgen wäre er ganz heldenhaft auf der Titelseite !
John realisierte, daß auf ihn drei Unwesen kamen und er zog sein Schwert des Dschinn – das Schwert mit der goldenen Klinge. Er machte ein paar Sprünge, turbulente Bewegungen und Salti. Und köpfte mit einem Hieb, einer flotten Horizontalen, alle drei Zombies auf einmal. Da stand er nun und genoß seinen Sieg. Er pfiff das Lied von „Spiel mir das Lied vom Tod“, welches er immer pfiff, wenn er ein paar Untote erledigt hatte. Es kam schließlich die Polizei, gefolgt von der Presse. Alle wollten ihn sprechen, alle wollten sich mit ihm photographieren lassen und Autogramme von ihm haben. Ein Journalist rang sich durch und interviewte John Sinclair :
 
„Wieviel Untote haben Sie schon in Ihrem Leben erledigt ? – Ach, so um die Tausend. Irgendwann hört man auf zu zählen.“ 
 
„Wer wird ihr nächstes Ziel sein ? – Vielleicht Graf Dracula, mit dem habe ich noch eine alte Rechnung offen. Auch um Loch Ness will ich mich demnächst kümmern. Oder George W. Bush, mal sehen.“
 
„Wie gehen Sie mit Ihren Erfolgen um ? Wird der Ruhm nicht irgendwann mal zu viel ? – Ruhm ist verführerischer als Gold.“
 
„Wer wird nach ihrer Zeit kommen ? Wer wird der Nachfolger des großen John Sinclairs ? – Vielleicht die ‚Ghostbusters‘. Oder Van Helsing. Keine Ahnung, das ist auch nicht so wichtig, schließlich werde ich noch ein Weilchen zu leben haben. Noch müssen die Dämonen mich ertragen, hehehe. – Haben Sie nicht einen Sohn ? – Doch. Was hat das aber damit...achso, hehe, jetzt verstehe ich was Sie meinen. Steve-Boy ist noch zu jung, er spielt am liebsten mit Sechstklässlern Verstecken. Er würde höchstens irgendwann mal Hui-Buh, das Schloßgespenst mit der rasselnden Kette fangen, haha !“
 
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